Cover
Titel
Christen und Muslime in der Capitanata im 13. Jahrhundert: Archäologie und Geschichte.


Herausgeber
Clemens, Lukas; Matheus, Michael
Reihe
Interdisziplinärer Dialog zwischen Archäologie und Geschichte 4
Erschienen
Trier 2018: Kliomedia
Anzahl Seiten
299 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cristina Andenna, Technische Universität Dresden

Formen und Bedingungen des Zusammenlebens von Christen und Muslimen in den Kontaktzonen des Mittelmeerraums sind seit einigen Jahren ein Thema von besonderem Interesse in der Erforschung von religiösen und kulturellen Beziehungsgeschichten und Kulturtransfers.1 Im Vergleich zu früheren Untersuchungen bietet der Sammelband einen innovativen interdisziplinären Zugang, der sich fachübergreifenden Fragestellungen und Methoden aus der Geschichte und Archäologie bedient. Der Untersuchungsgegenstand wird mittels eines räumlichen und kulturgeschichtlichen „Heranzoomens“ analysiert, was sich durch die Unterteilung des Buches in drei große Bereiche zeigt: Zuerst steht das Zusammenleben von Christen und Muslimen im Mittelmeerraum, in der Levante, in Nordafrika und auf der Iberischen Halbinsel im Fokus. Anschließend werden Kontaktformen und Verhältnisse im Königreich Sizilien aufgezeigt und schließlich widmen sich die restlichen Beiträge dem Untersuchungsraum der süditalienischen Capitanata.

Von besonderem Interesse sind die kleineren Siedlungen Lucera und Tertiveri, in denen sich das Nach-, Mit- und Gegeneinander von Ethnien, Sprachen, Kulturen und Religionsgemeinschaften christlicher und muslimischer Prägung außergewöhnlich gut beobachten lässt. Gerade diese, im Nordwesten des Regnum Siciliae gelegene Region stand bereits im Zentrum eines interdisziplinären Verbundprojekts, das am Deutschen Historischen Institut (DHI) in Rom durchgeführt wurde.2 Der vorliegende Band bezieht sich auf die Vorstellung der Ergebnisse und Erkenntnisse einer interdisziplinären Tagung, die vom 16. bis zum 18. Mai 2012 am DHI in Rom stattfand.

Ein interessanter Aspekt, der von verschiedenen Beiträgen angeführt wird, ist die Betrachtung sowohl westlicher als auch arabischer Quellen, die einen erweiterten Blick auf den häufigen Austausch und den intensiven Transfer zwischen den zwei Welten eröffnet. Die Analyse beider Quellencorpora ermöglicht es aber auch zu zeigen, wie in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf beiden Seiten eine deutliche Veränderung und dann ab dem 14. Jahrhundert eine Zäsur in den Beziehungen, Formen und Bedingungen des Zusammenlebens in allen Kontakträumen stattfand. Diese Feststellung gilt sowohl für die gescheiterten diplomatischen Kontakte, die vom Papsttum (Daniel König) unternommen wurden, um die Verbreitung des christlichen Glaubens und die Durchsetzung politischer Ziele zu gewährleisten, als auch für weitere Perspektiven des Mittelmeers, wie die Beispiele Andalusien, unter der Zeit der Mudéjar-Politik Alfons‘ X. (Matthias Maser), und Levante (Reuven Amitai) zeigen. Diese Räume dienen im Band als Vergleichsobjekte für die Beziehungen in Süditalien. Das anfänglich unkomplizierte christlich-muslimische Zusammenleben wandelte sich in beiden Räumen ab der Mitte des 13. Jahrhunderts aufgrund rechtlicher und ökonomischer Veränderungen. Viele Muslime wurden in Andalusien zur Emigration genötigt, während in der Levante die Mameluken die Kontrolle über den Großteil Syriens übernahmen. Sie änderten die tolerante Politik der ayyubidischen Dynastie durch die systematische Islamisierung der christlichen Bevölkerung.

Der zweite Teil des Buches konzentriert sich auf Süditalien mit dem besonderen Fokus auf die Formen des Zusammenlebens in Sizilien. Der Fragenkatalog des Liber phisionomie von Michael Scotus (Hubert Houben) begründet die reziproke Ablehnung von Christen und Muslimen durch eine religiöse Perspektive. Neue interdisziplinäre Untersuchungen haben hingegen gezeigt, dass das friedliche Zusammenleben in Sizilien und Süditalien vor allem durch interne innermuslimische Kontraste oder aufgrund von Aufständen gegen die Politik Friedrichs II. beendet wurde. In der antiken griechischen Stadt Iaitas war eine muslimische Siedlung entstanden, in der eine gemischte Bevölkerung friedlich lebte, wie die unterschiedlich ethnisch konnotierten Bestattungsweisen beweisen, welche durch Ergebnisse der vom Archäologischen Institut der Universität Zürich durchgeführten Ausgrabungen auf dem Monte Iato in Sizilien belegt werden. Ab 1224 bildete sich hier das Zentrum einer Aufstandsbewegung der arabischen Bevölkerung gegen Friedrich II. Die archäologischen Befunde zeigen, dass ab diesem Moment die rebellische muslimische Gemeinschaft dort in politischer und wirtschaftlicher Abgeschiedenheit bis zur Zeit der Deportation in die Capitanata lebte. Die Ursache für die Deportation nach Lucera ist auch in den schriftlichen arabischen Quellen nicht der Verfall des Islams im Westen, sondern die politische Entscheidung, die Rebellen unter Aufsicht und Schutz des Kaisers zu stellen (Stefan Leder).

Die Überlegungen Michaels Matheus eröffnen den dritten Teil des Buches, der der Erforschung der Capitanata gewidmet ist – ein Raum, der neben Süditalien schon seit seiner Gründung eine der zentralen historischen Forschungsschwerpunkte des DHI in Rom darstellt. In seinem Beitrag konnte er, dank der neuen von kulturwissenschaftlichen Fragestellungen geleiteten internationalen und interdisziplinären Kooperationen, die Brüche, Kontinuitäten und Wandlungen dieser langen deutsch-römischen historiografischen Forschungstradition zeigen. Verschiedene Beiträge dieser Sektion untersuchen mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung die Entwicklung und Transformation, die diese Region von der byzantinischen Vormachtstellung bis zur angevinischen Herrschaft durchlief.

Es wurde klar, dass Karl von Anjou und sein Nachfolger die Besiedlungspolitik des deutschen Kaisers mit aus Sizilien stammenden Muslimen verfolgte, und daher wurden nach Lucera auch Tertiveri und Turturalonga muslimischen Adligen übertragen (Jean-Marie Martin). Ein Beispiel dieser Politik zeigt Richard Engl, der sich auf die Persönlichkeit des Ritters ‘Abd al-‘Azīz‘ konzentriert, der mit der ehemaligen Bischofsstadt Tertiveri von Karl von Anjou belehnt wurde. ‘Abd al-‘Azīz nutzte das Monopol über die nordapulische muslimische Bevölkerung aus, bis seine Glaubensgenossen eine Revolte gegen ihn und seine Beamten initiierten. Diese Erkenntnis ermöglicht es Engl zu beweisen, dass die Auslösung der muslimischen Kolonie in Lucera sowie schon die Aufstände in Sizilien keinen besonderen religiösen Hintergrund hatten, sondern von dem Bedürfnis geleitet wurden, innenpolitische Streitigkeiten innerhalb der muslimischen Gemeinden zu beruhigen.

Eine Bischofsgruft mit den Spolien und den Amtsinsignien eines um circa 1220 bestatteten Oberhirten – wie die 14C-Datierung von Wolf-Rüdiger Teegen beweist – ist von Lukas Clemens und Heike Pösche im Rahmen des interdisziplinären am DHI beheimateten Verbundprojekts im Umfeld der Kathedrale von Tertiveri ausgegraben worden. Zwei weitere ausgegrabene Grüfte erbrachten den Nachweis, dass die dort begrabenen Verstorbenen nach islamischem Brauch bestattet wurden. Das ist ein Beweis dafür, dass der Bischofssitz Tertiveri ab dem Ende des 13. Jahrhunderts als Lehen ‘Abd al-‘Azīz übergeben wurde und dass dort mehrere Muslime lebten. Die Analyse des in der Bischofsgruft entdeckten Bischofsstabes zeigt, dass die Verzierungen an der Krümme aus Elfenbein stilistische Ähnlichkeiten mit sizilianischen-arabischen Werkstätten aus der zweiten Hälfte des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts aufweisen (Manuela Gianandrea).

Andere archäologische und dokumentarische Untersuchungen widersprechen der These der Nachhaltigkeit der muslimischen Präsenz in Apulien nach der Deportation Karls II. im Jahre 1300. Das Fragment eines angeblich in Foggia gefundenen Epitaphs, das einem 1348 verstorbenen kaid zugeordnet wurde, scheint nach der Geschichte des Grabsteins ein möglicher Lesefehler zu sein (Marco Branco). In anderen Beiträgen werden die Ergebnisse verschiedener archäologischer italienischen Ausgrabungskampagnen (Pasquale Favia, Italo M. Muntoni, Giuseppina Caliandro, Luciano Piepoli und Paola Spagnoletta) für die historischen Untersuchungen herangezogen und einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Die Kombination geschichtlicher und archäologischer Untersuchungen erlaubt in vielen Beiträgen die Revision und Überholung von einigen alten Interpretationsparadigmen. Das komplexe Zusammenleben in den unterschiedlichen Kontaktzonen ließ sich nicht nur auf die religiösen und kulturellen Probleme reduzieren, wie alte historiografische Thesen das Ende des interreligiösen politischen Herrschaftsmodells erklärten. Vielmehr spielten unterschiedliche Machtstrukturen und wirtschaftliche Veränderungen eine entscheidende politische Rolle. Geschichtliche Revisionen und archäologische Befunde insbesondere in Sizilien und dann auch in der Capitanata Lucera und Tertiveri, die sowohl Bischofssitze als auch muslimische Siedlungen waren, machen ersichtlich, dass die Gründe für den Misserfolg eines interreligiösen süditalienischen Herrschaftsmodells vielmehr in den politischen Rivalitäten und Machtansprüchen kleinerer einflussreicher Gruppen von Muslimen lagen. Der Sammelband zeigt, welch innovatives Potenzial fächerübergreifende Ansätze in der Erforschung von Kontaktzonen besitzen und welche Ergebnisse von einer interdisziplinären und internationalen Kooperation insbesondere für die Erschließung der Geschichte Süditaliens zu erwarten sind.

Anmerkungen:
1 Vgl. Klaus Herbers, Europa: Christen und Muslime in Kontakt und Konfrontation: Italien und Spanien im langen 9. Jahrhundert, Stuttgart 2016 (Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz 2); Matthias M. Tischler / Alexander Fidora (Hrsg.), Christlicher Norden - Muslimischer Süden: Ansprüche und Wirklichkeiten von Christen, Juden und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel im Hoch- und Spätmittelalter, Münster 2011 (Erudiri sapientia 7), sowie verschiedene Dissertationen und Sammelbände aus dem Forschungsverbundprojekt (2005–2011) „Integration and disintegration of civiliza-tions in the European Middle Ages“ (SPP 1173).
2 Eine Vorstellung des Verbundprojekts ist unter folgenden Link zu finden: https://vergleichendelandesgeschichte.geschichte.uni-mainz.de/forschung-schwerpunkte-und-projekte/italien-und-rom/christen-und-muslime-im-noerdlichen-apulien-capitanata-im-13-jahrhundert/ und https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/der_staufer_und_die_muslime?nav_id=6864 (letzter Zugriff 2. Mai 2019)

Redaktion
Veröffentlicht am
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension